3 bis 4 Fragen an Thyra Schmidt (2026)

Cornelius: In Deiner künstlerischen Arbeit finden sich oft Texte oder Fragmente, die Beziehungen zwischen Menschen, Emotionen, Zusammenhänge andeuten, ohne sie auszuformulieren. Was ist Dein Verhältnis zu den Stimmen in Deiner Kunst? Bist Du Autorin oder Medium, Biografin oder Beobachterin?

Thyra: Autorin und Beobachterin. Meine Inhalte basieren auf Erfahrungen und Erlebnissen. Dabei schreibe ich aus verschiedenen Perspektiven. Eine vielschichtige Lesbarkeit und Bildhaftigkeit sind mir wichtig. Während ich einen Text entwickle, habe ich bereits dessen mediale Umsetzung im Blick.

C: In der Arbeit „Kreisen“, die Du bei sipgate shows zeigst, trifft Sprache auf Zeichnung. Wörter, die inhaltlich äußerst reduziert und elliptisch auf zwischenmenschliche Beziehungen verweisen, werden von Dir auf All-Over-Schraffurzeichnungen gesetzt, ein dichtes, überbordendes Geflecht aus von Hand gezogenen Linien. Ein rhythmisch anmutendes Zeichnen trifft auf Buchstabenessenz. Was hat Dich zu dieser bildnerischen Gegenüberstellung veranlasst?

T: Kurz gesagt: Intensität. Die Schraffuren zeugen von einer ausdauernden Tätigkeit und Wiederkehr. Das Zeichnen kann eine empfindsame Verbindung zur Emotionalität in den Textfragmenten darstellen. Für die visuelle Ausführung habe ich nach einer Einheit aus Schrift und Untergrund gesucht. Die Buchstaben sind leicht transparent auf das schraffierte Liniengeflecht gedruckt und erhalten erst dadurch ihre Präsenz und Farbigkeit. 

Im Kontrast zu einer Entsprechung auf menschlicher Ebene steht die zu diesen Papierarbeiten gehörige Audiocollage. Hierin sind Auszüge des gedruckten Textes mit künstlich generierten Stimmen vertont und werden zudem inhaltlich weitergesponnen.

C: Eigentlich ist meine dritte Frage gern auf Künftiges ausgerichtet, neue Projekte oder Wünsche an die Kunst. Weil Du aber die künstlichen Stimmen Deiner Audiocollage erwähnst, vielleicht ein konkretes Nachfragen meinerseits. Ist im Hinblick auf das Künstliche der künftigen „Intelligenz“ vielleicht das Menschliche, Individuelle, das Fehlerhafte oder Persönliche von besonderer Bedeutung? Der von Dir erwähnte Kontrast der Arbeit hat ja schon fast etwas Provozierendes, eine künstliche Stimme in die Nähe von menschlicher Intimität zu rücken. 

T: Ja, das ist ein Bruch. Und ein Verweis auf etwas, das bereits möglich ist: eine romantische Beziehung zu einem Chatbot oder ein KI-Zwilling für eine posthume Konversation. Ich habe diese Arbeit mit Gedanken über menschlichen Verlust begonnen. Daraus hat sich, wie mit dem Titel („Kreisen“) angedeutet, ein Ineinandergreifen verschiedener Aspekte ergeben, auch das Machen von Kunst und ihr Wirkungspotenzial. Mich interessiert das Zwischenmenschliche, wie wir untereinander kommunizieren und reagieren. Alles, was mich berührt, im Nahen wie im Fernen, physisch oder virtuell, kann Thema meiner Arbeiten sein.

C: Was planst Du als nächstes Projekt? Brennt Dir was unter den Nägeln?

T: Im Moment experimentiere ich sowohl materiell als auch inhaltlich. Mich reizt es, bildhaft expressiver zu werden und sprachlich stärker zu variieren.

C: Liebe Thyra, das klingt überzeugend nebulös, ich bin gespannt ;-)

(Ein Email-Interview mit Thyra Schmidt im März/ April 2026).